„Anna sein“, so lautet der Titel der Ausstellung von Holger Dülken in der Galerie Kunst-Kontor in Schönebeck. Einfach nur „Anna sein“ zu können, das war auch der lange Wunsch der 38 jährigen Anna aus Schönebeck, deren Weg von einem Mann zu einer Frau der Fotograf Holger Dülken ein Jahr lang begleitete. Entstanden sind Bilder, die sowohl sehr persönliche und intime Einblicke als auch eine selbstbewusste Selbstverständlichkeit zeigen, mit der Anna sich auf den Weg der Transition begibt. Anna war Gast auf der Vernissage, man konnte die Freude sehen, diesen, ihren, Weg gegangen zu sein.
Eingeleitet und musikalisch begleitet wurde die Vernissage von Martin Müller mit den französisch inspirierten Klängen seines Knopfakkordeons (selbst den A-Train kann er so spielen, dass er nach Musette klingt).
Die Laudatio hielt René Wölfer, der den Fotografen Holger Dülken schon lange kennt. Der Sozialdemokrat Wölfer zitierte einleitend ausgerechnet den CDU-Mann Karl-Josef Laumann, „einen Erzkonservativen“, wie er sagte, mit den Worten „Ich weiß nicht, warum Gott die Menschen so unterschiedlich gemacht hat“. Wölfer kommentierte das Zitat kurz: „Aber es ist nun mal so“.
Wölfer spricht über Dülkens genauen Blick, über das Vertrauen zwischen Fotograf und Model und Dülkens Art zu fotografieren. „Holger hört mit der Kamera zu“, sagte er, „Er verändert nichts. Er begleitet. Und wir dürfen heute zuschauen, zuhören, mitfühlen“. Und Wölfer spricht darüber, dass es in dem Fall nicht einfach ein Model ist, das der Fotograf wegen Fotos anfragte. Denn letztlich geht es beim Sichtbarmachen dieser Verwandlung eines Mannes zu einer Frau um einen Perspektivwechsel des Betrachters, der daran erinnert wird, „dass Würde, Freiheit und Identität keine Zugeständnisse sind“. Den vollständigen Text der Laudatio gibt es am Ende dieses Berichts.
Wie habt Ihr Euch eigentlich kennengelernt, frage ich den Fotografen. „Anna war auffällig“, sagte er, „viele haben sie gesehen, mit ihrer männlichen Statur und ihrer Perücke, damals, als sie ihre Hormonbehandlung bereits begonnen hatte“. Und der Beginn des Fotoprojekts? „Anna war erst skeptisch, zugleich wollte sie auch schöne Bilder von sich haben, Bilder von sich als Frau, sie wollte das auch nach außen zeigen“.
So folgten mehrere Serien von Aufnahmen, zum Teil auch während ihrer Arbeit für einen Schönebecker Elektro- und Hausgräte Händler, Anna mit einer Waschmaschine auf der Sackkarre. Dann wieder Aufnahmen bei ihr zu Hause oder in Dülkens Fotostudio. Den Verlauf der Umwandlung dokumentierend, Fotos die bewusst keine gestellten Aktfotos sind, sondern etwas dokumentarisches haben.
Anna geht im Gespräch völlig offen mit dem Verlauf ihrer Transition um, spricht über die Wirkung der Hormone, das Brustwachstum, Gewichtsveränderungen und Haarausfall (der die Perücke nötig machte, später wuchsen die Haare wieder).
Die Auswahl der Fotos überließ Holger Dülken einem befreundeten Fotografen, Harald Krieg. Vielleicht um jemanden auf die Fotos schauen zu lassen, der jenseits der zwischen Fotograf und Model entstandenen Vertrautheit „von außen“ auf die Bilder blickt. Sowohl von Holger als auch von Anna war über den Auswahlprozess zu hören, „wir hatten beide unsere Lieblingsbilder, aber in der Ausstellung sind sie größtenteils nicht zu sehen“. Vielleicht war es auch dieser Blick von außen, der die Ausstellung in sich stimmig machte.
Die Vernissage war deutlich bunter als andere Ausstellungseröffnungen der Schönebecker Galerie, und sie war sehr gut besucht. Auch wenn das Schönebecker Kulturpublikum offen für ungewohntes ist, so ist Schönebeck doch immer noch eine Kleinstadt und vielleicht war es für viele die erste direkte Begegnung mit dem Transitionsthema. Auf jeden Fall war zu spüren, dass diese Vernissage mit ihrer Verbindung von Kunst, Privatheit und politischer Haltung (wenngleich die überhaupt nicht thematisiert wurde, aber durch aktuelle Diskussionen ohnehin präsent ist) eine ganz besondere war.
Laudatio von René Wölfer:
„Ich bin so geworden, wie ich bin. Nicht, wie ich geboren wurde.“
Das ist kein Satz aus einem philosophischen Traktat. Es ist ein Satz aus dem Leben. Von Anna. Und er bringt auf den Punkt, worum es in dieser Ausstellung geht: um einen Menschen, der sich auf den Weg gemacht hat. Ein Weg, der Mut erfordert, der Kraft kostet, der Ungewissheit kennt.
Doch zuvor ein kleiner Umweg: Holger hat Kybernetik studiert – die Wissenschaft, die sich mit der Steuerung, Regelung und Kommunikation von Maschinen und Lebewesen beschäftigt. Es geht um Rückkopplung, um Wechselwirkung, um das Zusammenspiel von Technik und Organismus. Was auf den ersten Blick abstrakt klingt, wird in Dülkens fotografischen Arbeiten ganz konkret erfahrbar: Wie Technik, Emotion und Mensch sich begegnen, berühren, aufeinander reagieren.
Dass wir heute hier sind, hat viel mit Kunst zu tun. Aber auch mit Begegnung, mit Vertrauen, mit Sichtbarkeit. Es geht um Verwandlung – nicht als Idee, sondern als tatsächliche Erfahrung.
Die Ausstellung „Anna sein“ von Holger Dülken zeigt diesen Weg in Bildern, die mehr sagen als Worte. Und sie tut dies mit Respekt, mit Nähe und mit einem Blick, der Raum gibt, statt zu fixieren.
Doch bevor wir über die Bilder sprechen, sprechen wir über Anna. Denn der Titel der Ausstellung ist keine distanzierte Beschreibung. „Anna sein“ – das ist nicht nur ein Name, das ist eine Haltung. Eine Selbstvergewisserung. Eine leise, aber klare Antwort auf eine Welt, die so oft vorschnell urteilt, die Kategorien braucht, um sich sicher zu fühlen, und die mit Unsicherheit schlecht umgehen kann.
Anna hat beschlossen, diesen Raum nicht mehr von außen zu betrachten. Sie hat ihn sich genommen. Schritt für Schritt, Rock für Rock, Foto für Foto. Die, die ihr nahestehen, wissen es vielleicht schon lange. Aber Wissen allein macht nicht frei.
Um es klar zu sagen: Anna wurde als Junge geboren, wuchs als Mann auf – und verwandelte sich zur Frau. Ein Weg, der „Transition“ genannt wird – eine zutiefst persönliche, immer psychisch und physisch schmerzhafte Erfahrung. Es braucht den Moment, in dem aus einem Gefühl eine Entscheidung wird – und aus der Entscheidung ein Bekenntnis. Es brtacuht einen Moment, wo aus allem Schmerz ein großes Glück wird.
In den Bildern dieser Ausstellung sehen wir diesen Prozess. Wir sehen kein Vorher und kein Nachher. Wir sehen Bewegung. Zwischen Unsichtbarkeit und Selbstbewusstsein.
„Fotografie ist eine Sache der Gefühle. Es ist nicht wichtig, welche Kameratechnik ich benutze. Viel wichtiger ist, was die Technik mit mir und den Menschen, die ich fotografiere, macht.“
Für die Serie mit Anna benutzte Holger eine digitale Vollformatkamera – präzise, lichtstark, sensibel. Und er arbeitete mit ungewöhnlichen Formaten: mit der analogen Schwarzweiß-Serie Spiel der Schatten, fotografiert durch den Sucher einer alten Rolleiflex, und der Serie faces, aufgenommen mit dem pinhole Effekt durch eine Art Lochbildkamera.
Holger hört mit der Kamera zu. Er verändert nichts. Er begleitet. Und wir dürfen heute zuschauen, zuhören, mitfühlen.
Die Serie umfasst stille, intime Momente ebenso wie stolze, kraftvolle Aufnahmen. In manchen Bildern scheint Anna ganz bei sich zu sein. In anderen trotzt sie den Blicken, die sich anpassen sollen – nicht sie.
Es ist persönlich. Und es ist schön. Schön, weil es echt ist. Weil es keine Ideale erfüllt. Weil es nicht um Perfektion geht, sondern um Identität.
Diese Ausstellung ist eine Einladung, sich darauf einzulassen. Anna steht für viele Menschen, die auf der Suche nach sich selbst sind, die sich gegen Widerstände behaupten müssen, die sich manchmal verstecken müssen, obwohl sie nichts falsch gemacht haben – außer den Erwartungen nicht zu entsprechen.
Sie steht aber auch für Sichtbarkeit. „Ich bin da.“ Nicht als Provokation, sondern als Tatsache. Und als Einladung, genauer hinzusehen.
Kunst hilft uns dabei. Sie zwingt uns nicht zu Urteilen. Sie lässt uns fühlen. Sie ermöglicht Perspektivenwechsel. Und das ist die große Stärke dieser Ausstellung: Sie zeigt nicht nur Anna – sie verändert unseren Blick auf uns selbst. Zumindest ging es mir so beim Betrachten der Bilder und den Menschen, mit denen ich im Vorfeld über die Werke gesprochen habe.
Anna will einfach nur Anna sein. Das klingt einfach, fast bescheiden. Aber es ist ein Satz mit Sprengkraft. Weil er ein ganzes Leben auf den Kopf stellt. Weil er Strukturen in Frage stellt. Und weil er uns alle daran erinnert, dass Würde, Freiheit und Identität keine Zugeständnisse sind.
Oder, wie Mascha Kaléko einmal schrieb: „Man wird nicht gelebt. Man lebt.“
Zum Schluss eine kleine Anekdote: Holger Dülken hatte seine "Minibar" mitgebracht – die Getränke gab es aus dem Kofferraum seines Mini heraus.
Martin Müller |
Anna, Susanne Kalisch und Frank Pudel von der Galerie Kunst-Kontor und Laudator René Wölfer (von links nach rechts). |
Holger Dülken |
Keine Kommentare:
Kommentar veröffentlichen